Wildes Kulturgut
15. Juni 2013
 
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Wildes Kulturgut

Begonnen hat alles mit einem Kühlschrank aus der ehemaligen Villa des Industriellen Otto Wild. «Kulturgut aus der Region», so enthüllte ihn Pirmin Breu im Sommer 2010 mitten auf dem Klosterhof im Herzen der Gemeinde Muri, als er die Leitung des Singisenforums übernahm. «Damals war das der Rolls-Royce unter den Kühlschränken, vermutlich der erste seiner Art im Freiamt, also ein Stück Zeitgeschichte.» Breu ging es nicht um ein Endprodukt, sondern um die vielschichtigen Geschichten, die solche Objekte schreiben.

Drei Jahre später gibt es ein Wiedersehen mit dem legendären Kühlschrank und mit einem noch vielschichtigeren Objekt: der Villa Otto Wild. Die öffnet nämlich an zwei Wochenenden ihre Türen für einen Blick auf die Geschichte Muris. Wer diesen Blick riskiert, wird staunen. Schon auf dem Grundstück vor dem Haus springen einem die ersten Zeitzeugen ins Auge: eine Luxuskarosse in der Garage, ein vermoostes Aquarium an der Fassade, eine grosse Rasenfläche, wo früher der Tennisplatz lag. Beim Betreten der Villa ist man endgültig auf Zeitreise. Neben dem Originalmobiliar, den Küchengeräten und sanitären Anlagen, die damals en vogue waren, sorgt das Team um Ausstellungsmacher Pirmin Breu für weitere Überraschungen.

Über 40 Aufnahmen, mehrheitlich aus der Stenz-Sammlung, zeigen Muri von anno dazumal, die Fabrik mit ihren riesigen Kesseln und Tanks, die auf Lastwagen verladen bis nach Ägypten transportiert wurden, und den Fabrikbesitzer als Patron. Die Stimmung wird untermalt von Interviews mit Persönlichkeiten von damals, denen man in verschiedenen Räumen lauschen kann. Im Keller gibt es einen Kurzfilm über die Arbeit in der Otto Wild AG zu sehen. Wer eigene Geschichten zu erzählen hat, kann das interaktiv tun. Highlight sind schliesslich die Aufnahmen von fünf zeitgenössischen Fotografen, die im Vorfeld der Ausstellung eine Stunde Zeit hatten, auf Entdeckungsreise zu gehen und ihre Eindrücke festzuhalten. Man hat das Gefühl, in fünf verschiedene Häuser zu schauen. Die Fotografien den richtigen Räumen zuzuordnen, ist ein spannendes Suchspiel für Jung und Alt.

Es ist dieser andere Blickwinkel, den Breu provoziert. Wer ist nicht schon x-mal an der Bahnhofstrasse 11 vorbeigelaufen und hat über den Zaun auf die Villa und den Garten gesehen. Für einmal können Besucher die Perspektive vertauschen und aus der Villa auf den Bahnhof schauen. Aber auch andere Perspektiven lassen sich vertauschen: vom damaligen Arbeiter in der Otto Wild AG zum Fabrikbesitzer, von der Hausangestellten zur Hausherrin, vom alteingesessenen Murianer zum italienischen Gastarbeiter.

Pirmin Breu möchte aufrütteln, aber das verzeiht man ihm gerne, denn dahinter steckt die grosse Verbundenheit mit seiner Heimatgemeinde, aber auch ein unbeirrbarer Idealismus, der ihn vorantreibt. Er möchte den Menschen Mut machen zur Veränderung. Und Veränderung geschieht oft nur über Auseinandersetzung. «Stellen Sie sich vor, wenn Sie das nächste Mal an der Bahnhofstrasse 11 vorbeilaufen, nachdem Sie die Villa von innen gesehen haben? Und stellen Sie sich vor, wie es dereinst aussehen wird auf dem Grundstück, wenn das Haus nicht mehr steht.» In diesem Sinn heisst auseinandersetzen auch loslassen.

Weil dem Nostalgiker Breu Altes am Herzen liegt, wäre es eine Schande, wenn das gesamte Mobiliar eines Tages in einer Mulde landen würde. Die Gemeinde Muri stimmte einem Verkauf für einen guten Zweck zu: am 29. Juni öffnet die Villa zum letzten Mal ihre Türen: Wer an diesem Tag ein gutes Stück ergattern will, sollte bar bezahlen können, selber abmontieren und am gleichen Tag abtransportieren. Der Erlös kommt Spielgeräten im geplanten Park zugute. Das jedoch gehört zum Thema Zeitreise in die Zukunft.

Text: Lea von Gunten
 
 
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